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Könïg Übü von Alfred Jarry

von Alfred Jarry

Das groteske Spiel um den ebenso gewalttätigen wie feigen König Übü (im Original „Ubu Roi“) ist ursprünglich als Schülerulk entstanden. Es wurde 1896 auf die Bühne gebracht, wo es mit seinen berühmten einleitenden Schimpftiraden einen handfesten Theaterskandal auslöste. Heute erkennt man in dem Werk des früh verstorbenen Exzentrikers einen genialen Wurf und den Beginn des modernen Dramas in Frankreich.
Reclams Universal- Bibliothek

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Licht ins dunkelste Eck der Macht

Ohne Alfred Jarry kein Dadaismus, kein Surrealismus, kein Absurdes Theater.
Jarry kündigt die sprachlichen Regeln und Verbindlichkeiten auf, das erste Wort, wenn Vater Übü die Bühne betritt, heißt: »Pscheiße!« Jarry fügt in die geläufigen Sprachregister Vulgärausdrücke und abstruse Neuschöpfungen wie Bomben ein. 

Letztlich sieht man in „KÖNIG ÜBÜ“ Aufstieg und Niedergang eines Tyrannen in vielen alltäglichen Details: Der Protagonist mordet, massakriert, zerreißt Leute, wie es ihm gerade einfällt. Er und sein Umfeld sind feige, illoyal, impulsiv, machtgeil sowie gewalt- und kriegsverherrlichend. In KÖNIG ÜBÜ spricht das Unvermittelte, Pure, so wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Anders als Politiker der Gegenwart, die ihre Interessen hinter einem angeblichen Allgemeinwohl verbergen, begründet Vater Übü sein Tun aufrichtig persönlich: „Ich will mich bereichern.“ Den Text muss keiner aktualisieren.
Ein Anarch auf dem Thron, eine infantile Parodie auf Napoleon, Erdogan und auf Shakespeares Macbeth. Die anstiftende Lady heißt hier Mutter Übü.

Anstatt das Ganze in eine psychologische und linear erzählte Geschichte zu verpacken, die an einem bestimmten, wiedererkennbaren Ort zu einer bestimmten Zeit spielt, inszeniert Jarry die Handlung als grotesk-traumhafte Geschichte, in der viele herkömmliche Grenzen verwischt werden, etwa die zwischen Stück/Realität, Ernst/Humor, Tod/Leben etc.

Die Inszenierung kommt mit wenig aus, vier Darsteller wechseln die Perücken, Hüte und Bärte, wie es gerade auf der Bühne gebraucht wird. 
Sie wechseln so schnell zwischen den Rollen, wie die Gefolgschaft das Lager. Ständig ändert sich die Perspektive. Gerade noch der russische Zar, der zum Kampf gegen die Armee Vater Übüs ruft, schon der verstoßene Buggelas, gleich zum Bären, der versehentlich durch die explosive Handknöchelgranate erlegt wird.

Die schnell wechselnden Orte und Zeiten, sterbende und wieder auferstehende Personen, infantile und übertriebene Handlungsweisen etc. weisen auf die surreale Traumrealität des Stücks hin, das jenseits von kontinuierlichen Zeitlinien und Raumstellen stattfindet. Es spielt nirgendwo und überall zugleich, weil es als Thema auch in unseren Träumen präsent ist oder wenigstens sein kann: Machtgeilheit, Feigheit, Gewalt, das Vulgäre und Unmoralische sind banale und alltägliche Affekte, die jederzeit zum Ausbruch kommen können. Es ist eben nicht etwas Abgeschlossenes, das an einem Zeitpunkt, an einem bestimmten geschichtlichen Ort endgültig endet, sodass eine Inszenierung davon erzählen könnte, sondern eine stetige Herausforderung, etwas Ewiges. Das macht das Stück auf seine groteske Weise beunruhigend und unbequem, auch weil Jarry die Bedeutung an keiner Stelle für den Zuschauer klärt.

Jarry lässt die Bewertung der Handlung völlig offen. Es ist nicht klar, ob das Stück eine Warnung, eine Apotheose oder nur ein grotesker Scherz sein soll. In jedem Fall ist es ein unzensierter Traum. Es bleibt am Ende somit jedem selbst überlassen, in das Prisma zu schauen und daraus seine Schlüsse zu ziehen.

 

…und noch ein paar Bilder von den Proben

 

Trailer


Künstlerische Leitung

Karolin Benker
Regie

Regisseurin

Norbert Bertheau
Produktion

Theater-Chef, Regisseur, Produzent

  • Karolin Benker
    Regie
  • Norbert Bertheau
    Produktion

Besetzung

Sina Neuberger
Laila Grümpel
Lisa Schopf
Lars Paschold
  • Sina Neuberger
  • Laila Grümpel
  • Lisa Schopf
  • Lars Paschold

Galerie

  • Könïg Übü von Alfred Jarry Galerie 1
  • Könïg Übü von Alfred Jarry Galerie 2
  • Könïg Übü von Alfred Jarry Galerie 3
  • Könïg Übü von Alfred Jarry Galerie 4
  • Könïg Übü von Alfred Jarry Galerie 5
  • Könïg Übü von Alfred Jarry Galerie 6

Pressestimmen

DURCH PUTSCH ZUM GOLD

Mit der letzten Premiere der Freilichtsaison lässt das Theater die Hosen runter. Weniger salopp gesprochen: Das Theater kommt als Kunstform zu sich selbst. Das theater ensemble brachte Alfred Jarrys Skandalgroteske der Saison 1896/7 „König Übü“ auf die Bühne am Wiesenhang des Bürgerbräu-Geländes: bunt, schnell, witzig und klug.
DREI MÄDELS-ABEND
Offizier Übü, entmachteter König von Aragon, dient dem polnischen König Wenzeslaus als Offizier, aber putscht sich selber an die Macht. Den reichen Adel und die Richter lässt er hopp-hopp exekutieren, Steuern treibt er persönlich ein. Erfrischend anders als die autokratischen Politiker der wirklichen Gegenwart, die ihre Interessen mit einem angeblichen Allgemeinwohl verbrämen, begründet er sein Tun aufrichtig persönlich: „Ich will mich bereichern.“ Den Text muss keiner aktualisieren.
Regisseurin Karolin Benker machte das Stück, das locker mehrere Dutzend Schauspieler beschäftigen kann, zu einem knapp eineinhalbstündigen Drei-Mädel-Abend. Mehrfachbesetzungen und Rollenwechsel auf offener Bühne lassen das Publikum direkt in den Maschinenraum der Kunstgattung Theater blicken. Die komisch improvisiert wirkende Ausstattung verhindert von Grund auf jede Illusion, und psychologisch wird das Ganze erst interessant, wenn eine Traumsequenz die stattgehabten Verfolgungsjagden rückwirkend in ein neues Licht rückt: Vielleicht spielen die stark karikierten Figuren ja alle eine Rolle in einem einzigen Hirn?
Die Theatermacher und das Premierenpublikum teilten die Lust daran, wie die zerstückelten und nackten Elemente der dramatischen Kunst durcheinanderwirbeln können. Das kann mit Requisiten geschehen, mit Perücken oder mit Dreistigkeit, wenn etwa eine Massenszene einfach aus den Regieanweisungen abgelesen wird: „Er dreht sich mit ausgestrecktem Schwert im Kreis und richtet ein Massaker an.“ Die drei Meter langen Holzschwerter kommen freilich auch vielfach und beherzt zum Einsatz.
SCHAUSPIELER GEBEN ALLES
Spannende Fragen wirft das auf: Wann entsteht eigentlich Empathie? Wieso ist gespieltes schlechtes Theater lustiger als schlecht gespieltes Theater?
Ob als kindliche Prinzen, Kavalleristen, als Zar oder Mutter Übü: Die Schauspielerinnen Laila Grümpel und Sina Neuberger geben alles und jeden, die meisten ihrer Figuren in extremen Stimmlagen – und immer in feinster Sprechkultur. Einen eigenen Ton hat Lisa Schopf in der Titelrolle, ohne dass ihr Usurpator Übü dem Zuschauer dadurch menschlich näher käme.
Soll er ja gar nicht.
In den letzten drei Aufführungen springt ein männlicher Schauspieler ein, allerdings nicht für die Hauptrolle. Der König bleibt weiblich.
MainPost 21.8.16, Joachim Fildhaut

Karten und weitere Infos unter: 0931-44545