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ZORNGEBETE von Saphia Azzeddine

Eine tragikomische Emanzipationsgeschichte aus dem Maghreb: Der Alltag ist schmutzig und elend, das Glück schmeckt nach Granatapfeljoghurt, und Jbara spricht mit Allah – wütend und demütig, klagend und dankbar, poetisch und vulgär für den Fall, dass er doch nicht alles sieht und nicht versteht, warum sie so weit gehen konnte. Klappentext Verlag

ZORNGEBETE ist nicht nur ein provozierender Text, er ist angesichts der Lebensumstände der Heldin auch mutig, empörend, aufrüttelnd.
Die Sprache wechselt von raffinierter Beiläufigkeit zu schroffer Direktheit, gepaart mit sozusagen tiefen-philosophischer Komik: Humor ist, wenn sie trotzdem lacht.

Verlag: Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs-GmbH, Berlin
Übersetzung: Sabine Heymann

Gastspiel in der BROTFABRIK Berlin vom 1. bis 3. November 2018

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Künstlerische Leitung

Andreas Büettner
Regie

Regisseur

  • Andreas Büettner
    Regie

Besetzung

Mira Leibold
Jbara
  • Mira Leibold
    Jbara

Galerie

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Pressestimmen

WO ARM SEIN STINKT UND NACH GRANATAPFEL SCHMECKT
"Zorngebete" als Premiere im Theater Ensemble Würzburg

Ein beiges Sofa und ein Paar Glitzerschuhe - mehr ist es nicht, das die Bühne im Theater Ensemble bei der Premiere von "Zorngebete" in die nordafrikanische Einöde verwandelt.
Mira Leibold ist "Jbara" - ein junges Hirtenmädchen mit lockigem Haar - gehorsam aber gewitzt, illusionslos aber voller Träume. Und die muss man haben, hier, im Maghreb, wo man "nie erzogen, sondern nur angeschnauzt und herumgeschubst wird". Jbara findet ihre kleinen Glücksmomente in kurzen Stelldicheins mit einem Hirtenjungen, für die sie mit köstlichem Granatapfeljoghurt bezahlt wird.
"Ich werde keine Poesie reinlegen, wo keine Poesie ist!" mahnt sie gleich zu Beginn. Denn das Mädchen ist arm, und "arm sein stinkt nach Arsch". Aber da gibt es ja noch Allah, zu dem sie betet: Mal wütend, dann wieder freundlich und versöhnlich.
Alles was sie will: Eine Weggabelung, endlich weiterkommen im Leben. Und Allah hilft: Eines Tages fällt ein rosa Koffer vom Bus in den Wüstenstaub, und auf wundersame Weise wird aus der Schafhirtin Jbara bald die schöne Scheherazade.
"Wenn man nie eine Bedeutung hatte, hat man auch nichts zu verlieren."
Was wie ein lustiges Märchen klingt, ist in Wahrheit die traurige Geschichte einer Emanzipation durch Prostitution. Der Roman "Zorngebete" von Saphia Azzeddine ist das kraftvolle Portrait einer Frau, die in einer patriarchalischen Gesellschaft mit Humor und Mut ihren Platz sucht und immer wieder an ihre Grenzen kommt. Ein Text, der aufwühlt, provoziert und sehr bewegt.
Darstellerin Mira Leibold stellt diese starke und gleichzeitig völlig gebrochene Frau so kraftvoll dar, dass man förmlich an ihren Lippen hängt. Man lacht mit ihr, wenn sie derbe und augenzwinkernd vom Leben als Nichts erzählt: "Wenn man nie eine Bedeutung hatte, hat man auch nichts zu verlieren!" Man ist den Tränen nahe, wenn sie, in rotes Bühnenlicht getaucht, in den leisen Zwiegesprächen mit Allah scheinbar doch nie die Hoffnung verliert. Man krampft innerlich, wenn sie schreit, weint, tobt - und man hat größten Respekt, dass eine so kleine Person es tatsächlich schafft, gut zwei Stunden lang das Theater mit einer Geschichte zu erfüllen, die nicht für zwei Leben reichen würde.
Regisseur Andreas Büettner inszeniert Jbaras Leben und Leiden in einer mitreißenden Dynamik, die nur wenige Monologe schaffen. Zur Premiere gab es nicht enden wollenden, minutenlangen Jubel.
MainPost, Kristina Deininger, 6.11.17

ZORNGEBETE von Saphia Azzeddine im Theater Ensemble Würzburg
Ein Selbstbehauptungsstück im Ringen um Gott

Die Hirtentochter Jbara - ein kleines unbedeutendes Wesen in der großen weiten Wüste im islamischen Maghreb kämpft ihren Kampf ums Überleben.
Dabei entflieht sie nach einer Schwangerschaft, in der sie traditionell die einzig "Schuldbehaftete" ist in die nächste Stadt. Ihr ganzes Leben ist von Prostitution geprägt. Zunächst in ihrer Zeltburg, dann in der Stadt in einem Café, in dem sie wischen und wohnen darf, dann in einem reicheren Anwesen, wo sie als Mädchen für alles arbeitet und vom jungen Hausprinzen vergewaltigt und zuletzt sogar begehrt wird und schließlich als Nobelprostituierte der Scheichs bis sie im Gefängnis landet.
Die schreiende Ungerechtigkeit, die ihr über das ganze Stück widerfährt, überspielt Jbara mit beissendem Pragmatismus, Lakonik, einer gehörigen Brise Musik, Tanz, Lächeln, gewitzten Vergeltungsaktionen. Nur manchmal, da funktioniert das nicht. Das sind die stillen Momente des Stücks, die kaum zu ertragen sind und in denen man sich wieder freut auf die sympathische, energische, kreative und ideenreiche Jbara - hervorragend dargestellt von Mira Leibold und ihren unschuldigen Mädchenträumen, ihrer kämpferischen Naivität bei dem Versuch den american dream der Maghrebs zu erleben.
Immer wieder kommt Allah ins Spiel, die Definitionen von Haram, die sie gelernt hat, ihre Selbstreflexion hinsichtlich dessen, was sie aus Notwendigkeit mit ihrem Körper tat und was sie aus Möglichkeit tat. Zwei Welten treffen hier aufeinander - kalter, pragmatischer Materialismus auf der einen Seite und auf der andern Seite Tradition und die uns Menschen innewohnende Moral als göttliche Stimme, wie ich sie von der "vox dei" Tradition kenne.
Jbaras Kritik am Glauben ist, wenn sie sie von sich gibt, absolut niederschmetternd. Marx These von der Religion als "Seufzer der geknechteten Kreatur" kann man ganz deutlich an Vater und Mutter des Mädchens heraushören und deren Glauben, dass die Wege Allahs nicht zu durchschauen sind, dass man aber an ihn glauben müsse, denn nur so würde er einen nach einer Zeit der Prüfungen auch belohnen können. Allah sei schlau, er ließe sich nicht so leicht in die Karten schauen.
Die Handlung hat mehr oder weniger einen klassischen Verlauf. Dramaturgisch gibt es einen Moment der hamartia, einem Fehler der Heldin, die zu ihrem dramatischen Untergang führt. Hätte sie einen Heiratsantrag angenommen und sich mit dem zufrieden gegeben, was das Leben ("Allah") ihr schickt, dann wäre sie am Ende nicht im Gefängnis gelandet. In der Unbeantwortbarkeit dieser Frage, daran scheint die Figur Jbara am Ende auch zu zerbrechen.
Zuletzt meint Jbara noch, dass sich Allah in Grautönen offenbare.
Die Inszenierung war konzentriert, voller Tempo, frisch mit der aufgesetzten Fröhlichkeit einer Heidi Klum und der Härte eines Bernhard'schen Abrechnungsmonologs, reduziert auf ein Sofa und vier verschiedene Lichteinstellungen, einige Musikeinspieler.
Dem Text und der Inszenierung ist es gelungen, diese spartanische Einrichtung vollkommen aus den Augen verlieren und viele mentale, gestochen scharfe Bilder entstehen zu lassen.
Zu keiner Zeit langweilig, immer fesselnd, toll artikuliert und intoniert, präsent - kurzum: eine absolute Empfehlung!
Martin Schelzig, Kunst- und Kulturspot, November 2017

Karten und weitere Infos unter: 0931-44545